Tortur für ein Tattoo

Alle zwei Jahre fallen Tattoo-Liebhaber von überall her in die Mainbernheimer Straße ein. Dann veranstaltet Andy Engel, eine Größe in der Szene, seinen Anmeldetag. Wer einen Termin innerhalb der nächsten zwei Jahre will, muss kommen. Es kommen Hunderte. Die Polizei auch.

Kurz vor 7 Uhr, drei Stunden vor Ladenöffnung, es sollte früh genug sein, um einer der Ersten zu sein. Denkt Tino Scheuering. Er liegt völlig falsch. Er stellt sich in die Reihe, die sich von der Mainbernheimer Straße in die Balthasar-Neumann-Straße schlängelt. Drei Stunden später, um 10 Uhr, bekommt Scheuering einen kleinen Zettel in die Hand gedrückt: mit der Nummer 126. „Damit habe ich nicht gerechnet. Aber immerhin haben sich nach mir bestimmt nochmal 80 Leute angestellt“, sagt der Herlheimer und rückt die braune Basecap zurecht.
Jetzt heißt es wieder warten, stundenlang, vermutlich bis in den späten Abend oder die Nacht hinein. Oder bis Samstags. So recht weiß das keiner. Tino Scheuering ist es auch egal, hauptsache er bekommt einen Termin. Irgendwann in den nächsten zwei Jahren. Denn nur die ersten Nummern werden noch im laufenden Jahr bedient. „Wir vergeben erstmal die Termine von August bis Dezember, alle andere kommen auf eine Warteliste und werden ab November kontaktiert“, sagt Heike Engel, die Managerin des Ladens. Dann werden die Termine für die kommenden 18 Monate verteilt. Der Anmeldetag ist nötig geworden, da die Anfragen und Beratungsgespräche im Tagesgeschäft irgendwann zu viel wurden – und die Zeit für die eigentliche Arbeit, das Tätowieren, immer weniger wurde.

Kein x-beliebiger Tätowierer

Scheuering müsste nicht so lange warten. Er könnte auch woanders hingehen, zu einem anderen Tätowierer. Er will zu Andy Engel. Nur zu Andy Engel. „Ich spreche jetzt mal für alle, die hier sind“, sagt Scheuering: „Niemand kommt hierher, weil es so billig oder so teuer ist. Jeder schätzt die grandiose Qualität. Das ist entscheidend.“
In der Tattoo-Branche ist Engel ein großer Name, spezialisiert auf fotorealistische Portraits. Andy Engel würde es wohl nie über sich sagen, aber er zählt zu den weltweit besten Portrait-Stechern, mit Gast-Auftritten in Las Vegas. Das erklärt auch, warum die weit über 200 Kunden an diesem Freitag aus ganz Deutschland anreisen, auch aus der Schweiz, aus Portugal oder Österreich. Im Innenhof stehen etliche Biertische, es wird gegrillt. Kaffee und Kuchen gibt es auch. „Einen großen Dank an unsere nachsichtigen Nachbarn und Mieter“, sagt Heike Engel.
Markus Jesacher aus Darmstadt saß bereits am Donnerstagmittag, 17 Stunden vor der Nummernvergabe, vor dem Geschäft, hatte Schlafsack, Klappstuhl und Isomatte dabei. Irgendwann in der Nacht, als schon Dutzende vor dem Laden standen, hat auch die Polizei vorbeigeschaut, in der Annahme, es handele sich um eine nicht angemeldete Demonstration.
Scheuering, der Herlheimer, steht weiter vor dem Laden, es ist jetzt 11 Uhr. Die ersten Kunden sind bei Engel in der Beratung, haben ihre Motive ausgedruckt und besprechen die Umsetzung. Gestochen wird nicht, nur gesprochen und Termine verteilt. Wie alle anderen auch hat Scheuering sein Wunschmotiv ausgedruckt. Es zeigt ein Bild seines Vaters, der vor sechs Jahren gestorben ist. Auf der rechten Wade soll das Motiv später platziert werden, für Scheuering ist es ein Abschluss der Trauerarbeit – und eine stetige Erinnerung an den Vater. „Es ist nicht irgendein Bild. Es muss perfekt sein. Deswegen stehe ich hier. Deswegen gebe ich mir diesen Wahnsinn.“ Bernd Feldges nickt. Er hat die Nummer 125 gezogen, stundenlang stand er gemeinsam mit Scheuering an. Während der Herlheimer sich mittags auf die Arbeit verabschiedet, erkundet Feldges, der Kölner, die Umgebung. In der Innenstadt sitzen viele Volltätowierte beim Bäcker oder am Main und warten, bis ihre Nummern endlich dran sind. Fast nur auswärtige Fahrzeuge stehen auf dem Bleichwasen-Parkplatz.
Ein Bild, das sich erst in zwei Jahren wieder bietet. Beim nächsten Anmeldetag von Andy Engel.

Quelle: infranken.de

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